Oma ist „Terminator und einfach cool – mit oder ohne Demenz.“

„Als meine Mutter mit knapp 70 Jahren die Diagnose „Demenz – Typ Alzheimer“ erhielt, war es zunächst ein Schock – zumindest für einige Familienmitglieder. Meiner Meinung nach waren schon seit einigen Jahren klare Anzeichen einer derartigen Entwicklung deutlich zu erkennen. Schließlich war das Thema Alzheimer in unserer Familie nicht unbekannt. Es hatte unseren Familienalltag durch die häusliche Pflege meiner beiden, an Alzheimer erkrankten Großeltern seit den 80er Jahren maßgeblich beeinflusst. Meine Mutter war es, die ihre beiden Eltern bis zum Tod zuhause gepflegt hat. Diese vielen Jahre haben ihr enorm viel Kraft abverlangt. Die Thematik Demenz war damals eine eher unbekannte, die Demenzforschung steckte noch in den Kinderschuhen. Wir wussten nicht, was nach der zaghaften Diagnose seitens des Arztes auf uns zukam und seine Aussage: „Ich wünsche Ihnen viel Kraft“ ließ mehr als eine Frage offen. Meine Mutter hat sich mit der Problematik und in Anbetracht der physischen und psychischen Belastung oft allein und vielleicht auch hilflos und überfordert gefühlt.
Heute ist sie es, die aufgrund ihrer Erkrankung Hilfe und Unterstützung benötigt. Es gibt Tage, an denen macht sich die Krankheit deutlich bemerkbar. Dann schwankt meine Mutter stündlich zwischen depressiv-weinerlich und zynisch oder verbal aggressiv. Sie läuft den ganzen Tag unruhig im Haus umher, putzt, wischt, räumt. Sie sucht Dinge, findet etwas anderes, verlegt es. Wieder und wieder beschwert sie sich dann über stetig wechselnde Beschwerden und Schmerzen und betont, dass es ohnehin niemanden interessiere, wie es ihr geht. Aufwühlende, unschöne Erlebnisse aus der persönlichen Lebensgeschichte werden in gefühlter Endlosschleife erzählt und zerpflückt. Das sind die schwierigen Tage.
Aber da gibt es auch die anderen. Dann geht die Sonne auf und sie versprüht mit ihrem unvergleichlichen Humor und ihrer Leichtigkeit einfach nur gute Laune. Dann geht sie aufrecht, packt an, dann ist sie wieder da: meine einzigartige Mama. An solchen Tagen spielt sie mit meinen Kindern Fußball und wenn sie den 9 Jährigen durchkitzelt, höre ich beide laut und unbeschwert lachen. Meine Kinder sagen, Oma sei „Terminator und einfach cool – mit oder ohne Demenz“. Mit ihnen habe ich schon früh über die Erkrankung gesprochen und sie wissen, warum Oma mal so, mal anders reagiert und finden einen guten Weg, damit umzugehen.
Die Zeiten haben sich geändert, das Thema Demenz ist in der Gesellschaft angekommen und erfährt eine weitaus höhere Akzeptanz.
Ich bin unendlich dankbar, dass ich aufgrund meiner beruflichen Tätigkeit engagierte Fachkräfte kennenlernen durfte, die mir bereits jetzt mit viel Einfühlungsvermögen einerseits und kompetentem Fachwissen andererseits auf dem Weg in die Pflege geholfen haben.
Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie belastend die Pflege und Betreuung dementiell erkrankter Menschen für Angehörige sein kann. Umso wichtiger ist es, Hilfe anzufordern und zuzulassen, sich zu vernetzen und auszutauschen.
Heute muss kein pflegender Angehöriger sich mehr alleingelassen und hilflos fühlen. Es gibt Menschen und Institutionen, die wollen und können helfen, mit Herz und Sachverstand. Und es gibt sie direkt vor der Haustür. Die Angebotspalette ist vielfältig und individuell angepasst.
Ich weiß nicht, wie lange und wie steinig der Weg noch sein wird, auf dem ich meine Mama begleiten darf, aber ich weiß, dass wir ihn nicht alleine gehen müssen.

Die Zeiten haben sich ja zum Glück geändert.“


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